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Rodolphus Lestrange - Rodolphus Lestrange - 10.05.2026 15.09.1958 Etwas „lag in der Luft“ hätte man wohl gesagt, wäre dieser Tag eine Szene aus einem der Bücher gewesen, die Rodolphus so begierig zu verschlingen begonnen hatte, seit seine Mutter ihm das Lesen beibrachte. Heute war sein Unterricht jedoch ausgefallen. Er hatte keine Erklärung dafür bekommen, während Mutter schon beim Frühstück besorgt gewirkt hatte. Immer wieder hatte sie Rhouben sanft übers Haar gestrichen, hatte seine Kleidung zurechtgerückt, ihn mit liebevollen, kleinen Gesten so sehr überhäuft, dass der Neunjährige irgendwann die eigene Irritation darüber nicht mehr hatte verbergen können und sich vorschnell und ohne Erlaubnis vom Tisch entfernt hatte. Auch das, hatte Rodolphus bemerkt, war anders als sonst vollkommen ohne Sanktion geblieben. Vater hatte mit steinerner Miene auf den leeren Platz geblickt, ehe er sich erhoben und die Frühstückstafel damit aufgelöst hatte. Nach London, hatte er gesagt, würde er reisen. Mutter hatte einen erstickten Laut von sich gegeben, aber nicht protestiert, auch wenn ihre Augen einen beinahe flehenden Blick gehabt hatten, aus dem Rodolphus sich keinen Reim machen konnte. Er hatte seinen Weg von allein in die Bibliothek gefunden. Hatte sich das Buch über die Crups genommen, in dem er derzeit las. Sie hatten immerhin selbst zwei davon, Harlow und Hawthorne. Rodolphus mochte die beiden, anders als Rhouben, der sich vor den hundeartigen Wesen mit den gegabelten Ruten fürchtete, weil sie zu knurren und zu bellen begannen, wenn er sich ihnen näherte. So ganz verstand Rodolphus nicht, weshalb. Eigentlich sollten sie so nur auf Muggel reagieren, stand in dem Buch. Aber Rhouben war sein älterer Bruder, der Erbe der Lestranges und damit ganz bestimmt kein Muggel. Das konnte er immerhin gar nicht sein. Langsam und noch ein wenig mühselig arbeitete Rodolphus sich Seite für Seite durch das Buch, die Zungenspitze zwischen die Lippen geklemmt und mit einer konzentrierten Falte auf der Stirn. Die Stunden vergingen. Am Rande nahm er wahr, dass sein Vater aus dem Kamin trat und seine Mutter, die gerade hereingekommen war, einen erstickten Laut von sich gab, kaum dass sie ihn angesehen hatte. Mutter floh förmlich aus dem Raum, während Vater Rodolphus im Vorbeigehen über den Kopf strich. Das war ungewöhnlich, stellte Rodolphus fest. Für gewöhnlich tat Roderick das nur mit Rhouben. „In dreißig Minuten fütterst du die Crups“, entschied Vater ruhig. „Komm dann zu mir, ich werde ihr Futter bis dahin vorbereitet haben.“ Später würde Rodolphus sich daran erinnern, dass er sich im Vorbeigehen am Speisezimmer gefragt hatte, wohin Rhoubens Stuhl verschwunden war und warum die Hauselfen nur für vier und nicht für fünf Personen eindeckten. Er erinnerte sich daran, wie seine Mutter kurz erstarrt inne gehalten und sich dann abgewandt hatte, als Vater mit den beiden Näpfen voll frischem Fleisch zu Rodolphus gekommen und mit ihm die steinernen Stufen zum Hof hinunter gegangen war. Erst unten, wo Harlow und Hawthorne bereits mit den Ruten wedelnd artig Platz genommen hatten und warteten, reichte er den ersten Napf an Rodolphus weiter. „Stell beide nacheinander ab und warte dann einen Moment, bevor du ihnen erlaubst, zu fressen“, wies Vater ihn an. „Lass nicht zu, dass sie vorher fressen. Du bist der Erbe des Hauses Lestrange. Auch die Crups dürfen dir nicht auf der Nase herumtanzen.“ Rodolphus hielt den Napf fest und sah zu Roderick auf. „Aber Rhouben ist doch der Erbe?“, wunderte er sich, unwillkürlich ein wenig den Kopf einziehend, weil er Vater damit gewissermaßen direkt widersprach. Vaters Blick ruhte kühl und steinern auf ihm. Oder vielleicht doch auf dem Napf in seinen kleinen Händen? „Nicht mehr. Und jetzt füttere die Crups. Danach wirst du diesen Namen vergessen, Rodolphus.“ Eine harte Lektion Schon, als er gesehen hatte, was Vater in der Hand hielt, war Rodolphus klar gewesen, dass er in Schwierigkeiten steckte. Er vermied es, zu schlucken oder anderweitig ertappt auszusehen. Er hatte damit gerechnet, womöglich eine gehörige Tracht Prügel einzustecken. Nicht damit gerechnet hatte er, dass sein Vater ihn am Arm packte, mit sich auf den Duellierplatz zerrte und ihn zum Duell forderte. Dieses war ebenso schnell vorbei gewesen, wie es begonnen hatte. Rodolphus hatte dem ersten Zauber noch ausweichen können, hatte ein oder zwei sogar abgewehrt, war aber nicht ein einziges Mal dazu gekommen, selbst auch nur zu versuchen, zum Gegenangriff anzusetzen. Er schmeckte Blut, als er, von einer Druckwelle erwischt, auf den Rücken geschleudert über den Boden schlitterte. Sein Zauberstab fiel einige Meter weiter zu Boden. „Entscheidungen darüber“, setzte Vater ihn frostig in Kenntnis, „worüber du dich zu informieren hast und worüber nicht, kannst du dann treffen, wenn du in der Lage dazu bist, dich in einem Duell gegen mich durchzusetzen. Hast du das verstanden?“ Rodolphus hatte widersprechen wollen. Offenkundig deutlich genug, dass Roderick den wütenden Blick und den Widerwillen bemerkte. Er trat dem am Boden Liegenden in die Seite. „Ob du mich verstanden hast, habe ich dich gefragt, Junge!“ Kurz mahlten Kiefer gegeneinander, ehe Rodolphus im Ausatmen ein „Ja, Sir!“, zwischen den Zähnen hindurch presste. Selbsterkenntnis Locken waren etwas ausgesprochen Schönes. Sie fühlten sich toll zwischen den Fingern an und insbesondere dann, wenn sie lang genug getragen wurden, um hineingreifen zu können, waren sie fürchterlich praktisch. Dann ließen sie sich benutzen, wie Zügel, um den vornübergebeugten Körper in der gewünschten Position zu halten. Er mochte auch das sich ausbreitende Rot, dort, wo seine Hand gerade eben getroffen hatte, stellte er fest, den Griff im Haar des anderen noch ein wenig festigend. Natürlich war das hier nichts, das sie lautstark herumposaunen konnten. Natürlich wussten sie beide, dass eigentlich etwas anderes von ihnen erwartet wurde. Aber es war … konsequenzlos nett und auf eine ganz eigene Art und Weise in seiner Skandalhaftigkeit herrlich unskandalös. Dann probierten sie sich eben aus. Es stand immerhin außer Frage, dass sie wussten, dass in der Zukunft eine standesgemäße Ehe und das Zeugen von Erben auf sie warten würde. Miteinander konnten sie bis dahin zumindest keine Bastarde in die Welt setzen oder eine ehrbare, junge Reinblüterin in Schande stürzen. Es hätte, wäre der unwahrscheinliche Fall eingetreten, dass sie erwischt würden, ausreichend Erklärungen gegeben, um einen möglichen Skandal im Keim zu ersticken. Und der Hufflepuff, in den er gerade ein weiteres Mal stieß, während dieser den Rücken unter ihm durchbog, würde gewiss nicht umherziehen und lautstark verkünden, dass Rodolphus Lestrange sich mit ihm in einem der nicht mehr genutzten Klassenzimmer vergnügt hatte. Auch er hatte einen Ruf zu verlieren. Es gab also keinen Grund, nicht einfach zu genießen. Zu akzeptieren, dass im eigenen Geschlecht ebenfalls eine gewisse Anziehung lag. Und dass sich auf diese Art und Weise Möglichkeiten eröffneten, an die Rodolphus im Umgang mit einer Frau keineswegs zwangsweise gedacht hätte. Körperliche Lust war nichts Schlechtes. Daran war nichts falsch, solange beide Parteien auf ihre Kosten kamen. Auch wenn er dem Lockenschopf rasch eine Hand vor den Mund hielt, um dessen Lustschrei zu ersticken, bevor dieser noch den Hausmeister hätte auf den Plan rufen können. Verbundenheit Er hatte den Raum durch eines der Tagebücher seiner Vorfahren entdeckt. Und er brannte darauf, ihn der Person zu zeigen, die schon seit langem eine der Wichtigsten in seinem Leben war. Eine geradezu ungewohnte Begeisterung ging von Rodolphus aus, auch wenn man ihn sehr gut kennen musste, um den milden Anflug erwartungsvoller Ungeduld zu erkennen, der sich in ihm regte. Er hatte sie an der Hand genommen und mit sich geführt, bis sie vor dem Wandbehang von Barnabas dem Bekloppten angekommen waren. In den Augen des Lestranges sprühte der Schalk, auch wenn seine Haltung ebenso tadellos war wie sonst auch. Ein warmes Lächeln zupfte an seinen Lippen. „Du wirst es lieben, Bella“, versicherte er ihr, ehe er ein wenig den Kopf neigte. „Jedenfalls hoffe ich das. Wir müssen nur dreimal vor dieser Wand auf und ab gehen. Ich habe es schon getestet. Es funktioniert. Wünsch dir dabei einfach, mit mir den Raum zu betreten, den ich vorbereitet habe.“ Er hatte bereits Kerzen aufgestellt. Essen aus der Küche geholt und angerichtet. Und dafür gesorgt, dass das Zimmer aussah wie eine kleinere Kopie des Saals in Lestrange Court. Ein Tisch war darin aufgestellt. Musik spielte. Rosenblätter lagen dekorativ auf dem Tisch, in dessen Mitte ein Strauß schwarzer und roter Rosen stand, als die Tür aufschwang und Bella den Blick auf das Innere frei gab. Rodolphus sah sie erwartungsvoll an. „Ich dachte mir“, erklärte er, „ich kann das Angenehme ja auch mit dem Nützlichen verbinden und dich einfach, während ich dir zeige, was dieser Raum so alles kann, fragen, ob du mit mir ausgehen willst?“ Er behielt sie aus dem Augenwinkel im Blick. Äußerlich wirkte er vollkommen ruhig. Aufmerksam und gefasst, wie immer. Innerlich allerdings war er sich seiner Nervosität durchaus bewusst. Sie könnte immerhin auch nein sagen. Dafür allerdings hätte er sich schon arg verschätzt haben müssen und dazu neigte er nun keineswegs. Sie würde nicht nein sagen. Er hatte gesehen, wie sie ihn anblickte, wenn sie glaubte, dass er es nicht mitbekam. Der erste Sieg Es kam selten vor, dass er zornig wurde. Dass Roderick die Entscheidung, ob Rodolphus um Bellatrix‘ Hand anhalten durfte, auf diese Art und Weise treffen lassen wollte, brachte Rodolphus allerdings zum Schäumen. Bellatrix war ihm wichtig. Er wollte diese Ehe und sie war eine mehr als nur angemessene Gattin. Seine Eltern hatten sie gerne und achteten die Blacks. Es gab keinerlei rationalen Grund, der gegen eine Verbindung mit ihr gesprochen hätte, sah man einmal davon ab, dass Rodolphus diese Entscheidung selbst getroffen hatte. Es gab also auch keinerlei Grund, sich zurückzuhalten. Wenn sein Vater wollte, dass er für das kämpfte, was er für richtig hielt, dann würde Rodolphus sich dieses Mal durchsetzen. Flüche flogen, Blitze zuckten um den Duellierplatz. Die beiden Kontrahenten, Vater und Sohn, schenkten einander nichts. Roderick hatte sich ohnehin nie in Zurückhaltung geübt, wenn er die eigene Überlegenheit demonstriert hatte, anstatt auf Rodolphus‘ Argumente einzugehen. Heute nicht. Nicht in dieser einen Sache! Der Sprengzauber war nur die Ablenkung gewesen, ehe Rodolphus mit einem Stabschlenker die Knochen in Rodericks Stabarm und seinem linken Bein verdrehte. Das würde sich wieder in Ordnung bringen lassen. Es würde nur einige Tage dauern, bis es wieder vollständig abgeheilt war. Er selbst hatte einen unschönen Kratzer im Gesicht davongetragen, war ansonsten allerdings unverletzt. „Nächstes Mal“, informierte er unterkühlt, während er den Zauberstab seines Vaters vom Boden aufhob und beiläufig einsteckte, „wirst du mir zuhören, wenn ich ein sachliches Gespräch mit dir führen will. Hast du mich verstanden?“ Der wütende Blick, stellte Rodolphus fest, war keineswegs so beeindruckend, wenn er vom Boden aus auf einen gerichtet wurde. Er neigte ein wenig den Kopf, gerade als müsse er sein Ohr ein wenig näher an Rodericks Lippen bringen und trat dabei auf Rodericks Finger. „Ich glaube, ich konnte dich noch nicht richtig hören. Hast du mich verstanden?“ Möglich, dass er den Bogen damit ein wenig überspannte. Allerdings hatte sein Vater noch nie viel von Nachsicht gehalten. |